I’ll come back

hollywood hills (sunrise avenue) | juni 2026 |

Jeden Herbst versuche ich, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich mich auf den Winter freue. Dass die kalte Jahreszeit gemütlich und sanft sein kann, dass ich mein eigenes Licht finden kann, dass ich eine Winterperson bin. Mittlerweile frage ich mich allerdings, ob es überhaupt «Wintermenschen» geben kann …

Ich bin der Meinung, dass wir Menschen Pflanzen ähnlicher sind, als wir zugeben wollen. Wir brauchen die Sonne, wir brasuchen Wärme, und wir brauchen Wasser. Und natürlich – teilweise mag diese Wärme von einem Kaminfeuer kommen, das Licht von unserem Inneren oder unserem Herzen ausgehen und das Wasser von wunderschönen, gefrorenen Schneekristallen repräsentiert werden. Allerdings bevorzuge ich es, wenn sich Licht und Wärme in Form eines hohen UV-Indexes zeigen und das Wasser salzig und voller schäumender Wellen ist. Denn mit jedem Frühling kehrt die Erkenntnis zurück, dass ich den Sommer brauche.

Ich bin der festen Überzeugung, dass auch Menschen auf eine gewisse Weise Metamorphosen durchlaufen. Denn im Sommer bin ich ohne Frage jemand anderes als im Winter – nicht nur optisch, durch meine Sommersprossen, die zurückkehren, und meine Haare, die von der Sonne aufgehellt werden, sondern auch emotional. Ich beginne, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Oder vielleicht ist es auch einfach die rosarote Sonnenbrille, die ich aufsetze und die alles etwas süsser und sanfter macht.

Was auch immer der Grund ist – im Sommer werde ich lebendiger. Und dasselbe Phänomen habe ich in Ottawa beobachtet: Je weiter der Frühling voranschritt, desto lebendiger wurde die Stadt. Sie füllte sich nach und nach mit Musik, Menschen und Farbe. Diese Entwicklung war das grösste Geschenk, das Ottawa mir für das Ende meines Austauschjahres hätte machen können. Ich hatte den Winter ebenfalls in vollen Zügen genossen, doch nun schien die Luft jeden Abend zu vibrieren, die Sonne liess ihre Strahlen tanzen, das Klirren von Mocktailgläsern erfüllte jeden Abend die Welt, und es schien fast, als würde die Wärme die starren Gesichter der Menschen zum Schmelzen bringen und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Juni, ich könnte nicht dankbarer für dich sein. Diesen Monat fühlte ich mich beinahe, als würde ich schweben – vor allem, nachdem ich meine Abschlussprüfungen abgelegt hatte. Der Monat war gefüllt mit Dinner-Dates auf Patios, langen Sonnenuntergangsspaziergängen, Gelato, bittersüssem Schmerz und einem Gefühl, das ich liebevoll «Zukunftsnostalgie» getauft habe. Es ist das Bewusstsein, dass der Moment, den man gerade erlebt, zu einer der schmerzhaftesten Erinnerungen unseres Gedächtnisses werden wird, weil man ihn so sehr vermissen wird.

Der Juni war gefüllt mit Ausflügen und Sidequests: Da war eine Sonnenaufgangswanderung, vor der ich wohl etwa drei Stunden geschlafen hatte, bevor mein Wecker mich um zwei Uhr dreissig morgens aus meinen Träumen riss. Den Sonnenaufgang sahen Hannah und ich zwar nicht wirklich, da er von Wolken verdeckt wurde, die Bananenmuffins, die am «Gipfel» verteilt wurden, waren allerdings mehr als genug, um das frühe Aufstehen lohnenswert zu machen. Ein weiteres Abenteuer, das mir für immer in Erinnerung bleiben wird, war ein Ausflug zum Britannia Beach, wo Danika und ich ein Nachmittagsdate mit unseren Büchern, Erdbeer-Gelato und dem kühlen Wasser der Bucht hatten.

Ich habe in den vergangenen Wochen mehr als genug perfekte Sommertage erlebt. Und doch war da immer etwas, das sie auf eine gewisse Weise unperfekt machte. In meinem Hinterkopf trug ich stets das Wissen mit mir, dass ich Ottawa in wenigen Wochen verlassen müsste. Ich bin mir allerdings auch sicher, dass mir genau dieses Bewusstsein geholfen hat, wirklich jeden Tag so gut wie möglich auszukosten und jede nur mögliche Minute mit kleinen Glücklichmachern zu füllen.

Nach dem Verfassen dieses Textes wird mir bewusst, dass es vielleicht nicht nur der Sommer war, der diese Zeit so magisch gemacht hat, sondern vor allem die Menschen, die mir so viel bedeuten, wie keine Worte jemals wirklich fassen könnten. Aber die Magie des Sommers hatte definitiv ebenfalls ihren Anteil daran. So oder so – ich liebe den Sommer, weil er mich lehrt, das Leben zu lieben.

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