Von geheimen Gärten und geknackten Schlössern

secret garden (bruce springsteen) | april & mai 2026 |

Bereits im November hatte ich das Gefühl gehabt, mich völlig in Ottawa eingelebt zu haben, und auf einer grundlegenden Ebene hatte ich das vermutlich auch. Doch spätestens jetzt hatte ich mir ein echtes Leben aufgebaut. Ich war kein Fremdkörper mehr und fühlte mich auch nicht mehr so. Ich gehörte nun zu den sozialen Strukturen, in die ich Anfang des Auslandsjahres ohne wirkliche Vorbereitung hineingeworfen worden war.

Anfang April besuchte ich mit zwei Freundinnen eine Vorstellung von Dirty Dancing, bei der allerdings die gesamte Musik live gespielt wurde. Erst am Ende dieses Abends realisierte ich, wie natürlich es sich inzwischen anfühlte, in die Stadt zu fahren, wie einfach es war, Pläne mit Freunden zu machen, wie glücklich und unbeschwert der Abend vergangen war – ohne Angst davor, ausgeschlossen zu werden, ohne Zögern, mich in einer Fremdsprache auszudrücken, ohne das übliche Hinterfragen dieser glücklichen Momente. Ich spürte, dass ich mir auch selbst zu vertrauen begann, und verstand auf einmal, dass Kanada mich mehr verändert hatte, als ich geglaubt hatte.

Als ich hier ankam, war ich vorsichtig. Ich versuchte, keine bereits bestehenden Muster und Gruppen zu verändern, wollte kein Eindringling in den so perfekt scheinenden Gefügen sein, die ich hier vorgefunden hatte. Deshalb versuchte ich, mich anzupassen und mich durch Lücken und Spalten in die sozialen Labyrinthe zu quetschen, nur um irgendwo dazuzugehören. Oft wurde ich von vermeintlich riesigen Vorhängeschlössern oder Sicherheitssystemen abgeschreckt. Lange fehlte mir der Mut, mich einfach als ich selbst zu zeigen. Ich verbog mich, um wenigstens irgendwo Halt zu finden, und fühlte mich doch, als würde ich nirgendwo richtig dazugehören. Und ohne es zu bemerken, lernte ich, dass ich den Schlüssel zu diesen unheimlichen Schlössern schon lange besessen hatte. So fand ich nach und nach immer mehr Wege, Eingänge und Pforten, hinter denen sich oft die wunderschönsten Orte verborgen hielten.

Immer mehr Schlösser wusste ich auf einmal zu öffnen, was mir einige der schönsten Erinnerungen des ganzen Jahres bescherte. Eine davon ist auf jeden Fall die Eisshow, die mein Club veranstaltete. Nicht nur viel technische Arbeit, Stunden auf dem Eis und im Tanzstudio sowie zahlreiche Proben, Verbesserungen und Korrekturen wurden darin investiert – auch eine Menge Herzblut und Emotionen steckten in unseren beiden Nummern. Die Vorbereitungen waren intensiv, aber zugleich schweissten sie uns alle noch enger zusammen und zauberten uns jeden Tag ein Lächeln ins Gesicht. Nichts hätte mich emotional allerdings auf die eigentlichen Shows vorbereiten können, die uns drei Tage lang auf Trab hielten. Es wäre gelogen zu behaupten, dass besonders beim grossen Finale viele Augen trocken blieben. Die schiere emotionale Überwältigung, ausgelöst durch ein unbeschreibliches Gemeinschaftsgefühl, erreichte uns alle. Und vielleicht gerade wegen dieser Tränen wurde die Ice Show zu einer meiner schönsten Erinnerungen.

Der Frühling schien auch meine Gasteltern dazu aufgefordert zu haben, das Haus am Wochenende wieder einmal zu verlassen. Gemeinsame Abendessen auf sonnenbeschienenen Patios, ein Besuch in Upper Canada Village und das Herrichten des kleinen Pavillons im Garten liessen die Wochenenden immer mehr nach Sommer aussehen. Doch natürlich hörte ich auch nicht damit auf, meine eigenen Abenteuer zu suchen – und zu finden …

Ende Mai nahm ich am Ottawa Race Weekend teil und lief den Halbmarathon. Dieser Tag war für mich etwas ganz Besonderes, denn nach diesem Rennen, das ich in einer unerwartet schnellen Zeit beendete, wusste ich, wie stolz ich eine jüngere Version meiner selbst gerade gemacht hätte.

Diese vergangenen zwei Monate zeigten mir, zu wie viel ich eigentlich fähig bin, und erlaubten mir auf eine gewisse Weise, neue Versionen meiner selbst auszuprobieren. Selten hatte ich ein so starkes Gefühl von Dankbarkeit für dieses Jahr und all die Erfahrungen, die ich bis jetzt machen durfte – auch im Angesicht des baldigen Endes meines Aufenthalts und beim Blick zurück auf all die Wochen, die ich in Kanada verbracht habe.

Ich hatte endlich gelernt, wirklich stolz auf mich selbst zu sein – stolz auf die Person, die ich geworden bin, und auf all die vergangenen Versionen meiner selbst, die mir geholfen haben, hierherzugelangen.

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